Patricia Albisetti, Generalsekretärin der «Fédération des hôpitaux vaudois» (FHV), vertritt die Interessen von zwölf Spitaleinrichtungen, verhandelt mit Versicherern und kantonalen Behörden und beobachtet täglich die Spannungen, die ein System schwächen, das Mühe hat, sich zu verändern. Sie erklärt, weshalb das heutige Modell an seine Grenzen gestossen ist und was sich ändern muss.
Die jüngste Entwicklung ist geprägt von einer sehr angespannten, für die Mehrheit der Westschweizer Spitäler kaum mehr tragbaren finanziellen Situation. Was erklärt diesen Druck heute?
Von uns wird verlangt, eine qualitativ hochstehende Versorgung zu gewährleisten und gleichzeitig Kosten zu kontrollieren, die unaufhörlich steigen. Doch das System ist stark fragmentiert. Aufgrund des Föderalismus liegen gewisse Zuständigkeiten beim Bund, etwa das KVG, das ein Finanzierungsgesetz ist und kein Gesundheitsgesetz. Andere Bereiche, wie die öffentliche Gesundheit, fallen in die Zuständigkeit der Kantone. Dadurch entsteht eine doppelte Logik bei der Finanzierung der Versorgung.
Konkret: Inwiefern ist das für die Spitäler einschränkend?
Bei der stationären Versorgung, also bei Aufenthalten von mehr als 24 Stunden, werden die Kosten zwischen den Versicherern, die über die Prämien finanziert werden, und den Kantonen, die über die Steuern finanziert werden, aufgeteilt. Bei der ambulanten Versorgung hingegen sind es die Versicherer, die bezahlen. Diese unterschiedlichen Finanzierungsmodalitäten machen die Koordination äusserst schwierig. Wenn zwei Zahler unterschiedlichen Logiken folgen, trägt niemand wirklich die Gesamtvision des Patientenpfads. Niemand wird wirklich dazu angehalten, nach der effizientesten Lösung zu suchen. Und manchmal werden Entscheidungen über die Art der Behandlung davon beeinflusst, wer die Rechnung bezahlt wird, und nicht davon, was für die Patientin oder den Patienten am besten ist.
Mit EFAS wurde 2024 genau eine Reform beschlossen, die diese Finanzierungslogiken vereinheitlichen soll. Ist das aus Ihrer Sicht ein wichtiger Schritt?
Es ist eine äusserst wichtige Reform, die die Finanzflüsse verändern und klären wird, wie Leistungen vergütet werden. Dies allerdings unter der Voraussetzung, dass wir die strukturellen Veränderungen, zu denen sie uns auffordert, bis zu ihrem Inkrafttreten im Jahr 2028 akzeptieren und antizipieren.
«Das SwissDRG-System hat den Wettbewerb zwischen den Einrichtungen gefördert und eine Kultur des Jeder-für-sich verstärkt. Heute zeigt dieses Modell seine Grenzen. Kosten und Tarife erklären nicht alles. Nur weil ein Spital tiefere oder höhere Tarife hat, weiss man noch nichts über die Qualität der Versorgung, die es erbringt. Aus meiner Sicht ist es entscheidend, sowohl die wirtschaftliche als auch die qualitative Leistung zu messen.»
Welche sind das?
Es fehlt uns an Ärztinnen, Ärzten und Pflegefachpersonen. Und angesichts des erwarteten Anstiegs des Versorgungsbedarfs wird sich diese Situation weiter verschlechtern. Alles in allen Spitälern anbieten zu wollen, ist nicht mehr möglich und auch nicht realistisch. Genau darauf zielen im Übrigen die Spitalplanungen ab, die von den kantonalen Regierungen umgesetzt werden.
Sehen Sie weitere Handlungsmöglichkeiten?
Selbstverständlich müssen deutlich mehr Fachpersonen ausgebildet werden, und man muss ihnen bessere Arbeitsbedingungen bieten, wobei ich nicht nur an den Lohn denke. Parallel dazu müssen die interinstitutionellen Zusammenarbeiten gestärkt werden. Das setzt auch gemeinsame oder interoperable Informationssysteme voraus. Das ist zentral. Innerhalb einer Föderation wie der unseren ist es wesentlich, die Kooperationen zu stärken und Kompetenzen zu teilen. Die Arbeit in Netzwerken entwickelt sich weiter. Der interkantonale Réseau Bleu oder der Réseau de l’Arc für integrierte Versorgung sind konkrete Beispiele dafür.
Die Digitalisierung scheint bei dieser Transformation eine zentrale Rolle zu spielen?
Sie ist unverzichtbar und mehr als notwendig, denn in diesem Bereich haben wir Rückstand. Die Herausforderungen sind gross: stark steigende IT-Budgets, Cyberrisiken und vieles mehr. Die jüngsten Entwicklungen rund um das EPD, das elektronische Patientendossier, das zum EGD, dem elektronischen Gesundheitsdossier, geworden ist, sind ein schmerzliches Beispiel für unsere Schwierigkeiten, gemeinsam voranzukommen. Dabei wird die Digitalisierung Effizienz, Qualität und Sicherheit für die Patientinnen und Patienten bringen. Und vor allem wird sie es den Fachpersonen ermöglichen, die richtigen Informationen zum richtigen Zeitpunkt zu haben.
Kann diese Entwicklung die Teams auch von einer erheblichen administrativen Belastung entlasten?
Ja. Heute sind die Spitäler überlastet. Die Pflegefachpersonen verbringen einen grossen Teil ihrer Zeit damit, ihre Handlungen zu dokumentieren und zu rechtfertigen. Einige Fachpersonen verlassen den Pflegebereich gerade deswegen, und die Gesundheitsberufe verlieren an Attraktivität, obwohl wir sie so dringend brauchen.
Technologie kann selbstverständlich helfen, und genau das erwarten wir auch von ihr. Künstliche Intelligenz insbesondere wird Effizienzgewinne mit echtem Mehrwert ermöglichen. Ich denke zum Beispiel an die medizinische Codierung.
Was halten Sie von der automatisierten Codierung durch künstliche Intelligenz?
Heute wird es schwierig, medizinische Codiererinnen zu finden. Es ist ein anspruchsvoller Beruf, der sehr spezifische Kenntnisse erfordert, und einige Einrichtungen finden nicht mehr die Kompetenzen, die sie benötigen. Hinzu kommt, dass die ambulante Codierung nun zur stationären Codierung dazukommt. Bei einem kürzlich von Swisscoding organisierten Round Table zu diesem Thema habe ich einen echten Wandel gespürt. Ich hatte den Eindruck, dass mehrere Spitalverantwortliche erkannten, dass diese Instrumente ihnen helfen können, auf ihre finanziellen und organisatorischen Schwierigkeiten zu reagieren.
Auf Ebene einer einzelnen Einrichtung ist es schwierig, ein hohes Mass an Expertise zu erreichen oder in solche Instrumente zu investieren. Eine Bündelung von Kompetenzen und Ressourcen, getragen von einem externen Akteur, würde es ermöglichen, innovative Lösungen zu entwickeln.
Welche Hindernisse bestehen, Ihrer Ansicht nach, noch?
Der Mensch mag Veränderung nicht. Solange es nicht zu viele wirtschaftliche Zwänge und keinen dringenden Handlungsbedarf gab, wurden Entwicklungen lange aufgeschoben. Heute aber hat die Medizin enorme Fortschritte gemacht. Was stationär gemacht werden kann, kann auch ambulant gemacht werden. Manche widersetzen sich dem dennoch, weil es die Einnahmen verringert. Doch ein Rückgang des Umsatzes bedeutet nicht zwangsläufig einen Rückgang der Rentabilität. Es kann sogar das Gegenteil der Fall sein.
Gibt es laufende Gespräche, um die Dinge zu verändern?
Die Gespräche laufen ständig, aber es ist schwierig, Lösungen entstehen zu lassen, weil nur wenige Akteure bereit sind, etwas zu verlieren. Es bräuchte unabhängige Stimmen ohne persönliche Interessen, die Lösungen vorschlagen können, sowie politische Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger, die mutig genug sind, sie umzusetzen. Parteipolitische Auseinandersetzungen bremsen solche Entscheidungen oft, obwohl Gesundheit in erster Linie eine Frage des Gemeinwohls sein sollte.
Wie sieht Ihre Vision eines Gesundheitssystems in zehn Jahren aus, das die notwendigen Veränderungen eingeleitet hat?
Gibt es überhaupt ein ideales System? Das ist eine schwierige Frage. Aber wenn wir unseres verbessern wollen, müssen wir unbedingt die Prävention und den Zugang zur Versorgung stärken, insbesondere über die Allgemeinmedizin und die gemeindenahe Versorgung. Die ambulante Versorgung und die Pflege zu Hause werden sich weiterentwickeln, und die Spitäler werden stärker spezialisiert sein. Die Alterung der Bevölkerung wird zu einem starken Anstieg des Bedarfs an Langzeitpflege führen. Es wird daher entscheidend sein, das Gesundheitssystem auf das Management chronischer Krankheiten auszurichten. Wir müssen uns hin zu echten integrierten Versorgungsnetzwerken bewegen, mit einer engen Koordination zwischen allen Akteuren, also Ärztinnen und Ärzten, Spitälern und Versicherern. Das Ziel ist, die Patientinnen und Patienten wirklich ins Zentrum des Systems zu stellen, und dies nicht nur als Slogan zu verwenden.
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